Der Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung – diesen Satz haben Sie sicher schon öfters gehört, oder? Und es gibt in der Politik wohl niemanden, der hier nicht zustimmen würde.

Wenn wir uns aber ansehen wie es um die Wertschätzung unserer Elementarpädagog_innen bestellt ist, wie wenig Unterstützung Ihnen zuteil wird und wie sehr vor allem private Kindergartenbetreiber mit bürokratischen Hürden zu kämpfen haben, dann kann man mit dieser Aussage nicht recht viel anfangen.

Als Mutter von zwei Kindern und Politikerin habe ich nicht nur meine eigene Erfahrungen gemacht, sondern weiß aus vielen Gesprächen mit Eltern und Pädagog_innen, dass es auch die entsprechenden Ressourcen braucht, um jedes einzelne Kind aufmerksam beobachten und gezielt fördern zu können. Jeder Euro, der heute in die Elementarpädagogik investiert wird, rentiert sich vielfach im späteren Verlauf durch geringere Aufwendungen für Sprachförderung und Nachhilfeunterricht.

Zu wenig finanzielle Mittel, unterschiedliche Sprachen, riesige Verantwortung und immer länger werdende Betreuungszeiten stellen insbesondere Kindergärten und Elementarpädagog_innen in Wien vor Herausforderungen. Deshalb möchte ich den wichtigen Beruf der Elementarpädagog_in in den Fokus zu rücken und habe schon unzählige Gespräche geführt, um mir über die großen Herausforderungen in diesem Beruf ein Bild zu machen.

Einigkeit herrschte in all meinen Gesprächen darüber, dass wir zur besseren Begleitung der Kleinsten kleinere Gruppen brauchen, also einen besseren Betreuungsschlüssel. Aber wie soll dieser erreicht werden, wenn wir in ganz Österreich einen erheblichen Mangel an Personal haben?

Und genau da hakt es: der Beruf der Kindergartenpädagog_in ist nicht attraktiv genug, um ausreichend Junge für diese Ausbildung zu begeistern. Was könnte helfen?

  • Wertschätzung! Und die Erkenntnis, wie wichtig die Aufgabe der Bildung und Betreuung für unsere Kleinsten ist. Das beginnt mit dem frühen Fördern von Talenten, der bestmöglichen Unterstützung bei unfair verteilten Chancen und geht bis zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Kindern bei Eltern.
  • Bessere Ausbildungsmöglichkeiten! Der derzeitig übliche Ausbildungsweg mit der Entscheidung für diesen Beruf mit 14 Jahren ist zu früh und viele Ausgebildete entscheiden sich schlussendlich nicht für die Arbeit im Kindergarten. Wer eine universitäre Ausbildung zur Kindergartenpädagogin macht, trifft eine bewusstere Entscheidung für diesen Beruf!
  • Bessere Bezahlung!
  • Genügend Unterstützungspersonal! Pädagag_innen müssen freispielt werden für Ihre eigentliche Aufgabe! Alleine verantwortlich zu sein für bis zu 25 Kinder ist auf Dauer für Pädagoginnen wie Kinder unbefriedigend.

Kinder sind die Zukunft unserer Stadt und der Job als Elementarpädagog_in gehört zu den wichtigsten Berufen unserer Republik– eine Verbesserung der Rahmenbedingungen muss für die Politik oberste Priorität haben! Wenn wir hier nicht radikal in ein Umdenken kommen, wird es nicht mehr lange dauern, bis die Kindergartenpädagog_innen auf die Straße gehen und auf ihre Situation aufmerksam machen.


Bildung ist zentraler Baustein für unsere Gesellschaft und für uns ein Herzensthema. Daher bereiten uns auch die aktuelle Entwicklung in Wien große Sorge.

Denn Wiener Eltern entscheiden sich österreichweit am häufigsten dafür, ihr Kind auf eine Privatschule oder in eine AHS zu geben. Das offenbart, wie stark das Misstrauen gegenüber dem öffentlichen Bildungssystem, insbesondere der „NMS“ ist.

Das war aber nicht immer so. Unsere Eltern haben uns in die nächste Schule im Grätzel geschickt, im Vertrauen darauf, dass wir dort die beste Bildung bekommen. Heute verlassen in Wien 61% der Schülerinnen und Schüler die NMS, ohne die Bildungsstandards in Deutsch zu erreichen.

 

Ähnliche Herausforderungen wie Wien hatte London in den 90er Jahren. London war die Region Englands mit den niedrigsten Bildungsstandards. Zu den Problemen gehörten mangelnde Disziplin, Mobbing und eine überforderte Lehrerschaft. Auch der Anteil an Schüler_innen, deren Erstsprache nicht englisch war, war an Brennpunktschulen besonders hoch. Aber das wollte man so nicht länger hinnehmen.

Fünf Jahre nach dem Start der „London Challenge“ lag London über dem nationalen Schnitt hinsichtlich der Erreichung der Mindeststandards. Das Programm begann in Bezirken mit einem hohen Anteil von Zuwanderern sowie Schüler_innen aus sozial benachteiligten Familien.

Wie man das geschafft hat, wollten wir im Zuge einer Studienreise des NEOS Rathausklubs herausfinden und haben die „Oakland Secondary School“ im Londoner East End besucht. Vormals Brennpunktschule, mittlerweile eine der besten in London. Die Herausforderung: mehr als 80% der Schüler_innen kommen aus Bangladesch, sprechen zuhause kein Englisch.

Foto: Lukas Hagelmüller

„Without a vision there is no future 

….sagt uns die Direktorin und bringt damit gleich auf den Punkt, worum es geht. Denn eine gemeinsame Vision, Kultur und gemeinsame Werte – basierend auf den höchsten Erwartungen aller Mitglieder der Schulgemeinde – waren für sie der absolute Schlüssel zum Erfolg.

We are a learning community…

  • We are innovative and creative, caring and respectful and work in partnership
  • We are confidet in pour aspirations and ability to achive
  • We contribute positively to our diverse world.
  • We are on a learning journey

…….. that knows no barriers.

Und diese Vision wird gelebt, von jedem und jeder, der in dieser Schule arbeitet oder lernt. Mit Betreten des Schulgebäudes umgibt uns ein Spirit, dem man sich nicht entziehen kann.

Der Drang und der Wille, etwas zu leisten und der Stolz, selbst dazu beizutragen.

Foto: Lukas Hagelmüller

Aber natürlich ist es mehr als das. Die große Bildungsreform, initiiert von Tony Blair, und die „London Challenge“ haben mit einer Reihe von Maßnahmen zum Erfolg geführt:

  • Zu allererst hat man durch die Abschaffung der zentralen Londoner Schulbehörde die Zuständigkeit auf Bezirksebene verlagert und so den Schulen größtmögliche Autonomie zugestanden.
  • Anhand vorhandener Daten wurde dann ermittelt, welche Bezirke und Schulen besonders große Herausforderungen hatten und welche Schule am meisten Unterstützung brauchte.
  • Dann gestalteten die Schulen, gemeinsam mit Expert_innen, Programme, die auf ihre spezifische Problematik zugeschnitten waren und sie zum Erfolg führen sollten.
  • Für die Umsetzung brauchte es natürlich eine inspirierende Schulleitung, die man im Bedarfsfall auch austauschte.
  • Lehrerinnen und Lehrer wurden intensiv nachqualifiziert, in Brennpunktschulen auch besser bezahlt.
  • Und auch für die Schülerinnen und Schüler gibt es bis heute Hilfe, wo sie benötigt wird. Ein Schulsozialarbeiter kann jederzeit angefordert werden und ist spätestens am nächsten Tag verfügbar.

„Teaching is a leadership profession“

ist die Direktorin der Oakland Secondary School, Patrice Canavan, überzeugt. Und in diesem Satz wird eindeutig, wie sehr sich das Image der Lehrperson von unserem Bild davon unterscheidet. Patrice Canavan sieht sich jeden neuen Lehrer zuerst beim Unterrichten an, bevor es weitergeht in ein Bewerbungsgespräch. Dass sie ungeeignetes Lehrpersonal auch wieder entlässt, wenn Unterstützungsmaßnahmen nicht greifen, ist für sie selbstverständlich. Man hat schließlich ein Ziel zu erreichen. 

Foto: Lukas Hagelmüller

Und diese verbindliche Verantwortlichkeit zur Erreichung der Ziele war auch wichtig für den Erfolg. Zu diesem Zweck gab es ein regelmäßiges Monitoring und Evaluierungen. Der Wettbewerb unter den Schulen und das Benchmarking dienten als Ansporn. Aber besonders die Zusammenarbeit unter den Schulen und das Lernen voneinander waren befruchtend.Schulpartnerschaften steigerten sich zu Clusters und schließlich zu Netzwerken, die bis heute funktionieren.

„Just do it!“ 

Das gibt uns der ehemals zuständige Bildungsminister Lord Andrew Adonis, den wir im House Of Lords treffen, mit auf den Weg. Man muss die Schule neu erfinden, neue Türschilder sind zu wenig, ist er überzeugt.

Man braucht die Vision und den Willen, gemeinsam etwas zu schaffen. Die Zeit war damals reif und jeder wusste, so kann es nicht weiter gehen. Deshalb wurde die große Bildungsreform auch von allen getragen. Der Erfolg gibt ihnen recht.

Foto: Lukas Hagelmüller

 

Was London kann, kann Wien auch schaffen. Es liegt an uns!